Ökonomie, Wettbewerb und Demokratie

Ökonomie, Wettbewerb und Demokratie – geht das zusammen? Wenn ja, wie?

Richter als Schiedsrichter? Genauso ungut wie Ökonomen als solche! Und genau dahin führt ein (ökonomischer) Wettbewerb in jedem Fall, erst recht wenn er nicht auf freiwilliger Basis stattfindet: Zu schiedsrichterlichen Entscheidungen.

Wer gewinnt: Die Ökonomie, der Wettbewerb, die Demokartie? – Arek Socha, Pixabay.com
Richter als Schiedsrichter? Hier die Dame und die Herren in roten Roben des BGH – Brigitta Berninger, Pixabay.com

Grundsätzlich findet Ökonomie in jeder Gesellschaft statt, egal wie diese verfasst ist.1)Ökonomie gemeint als Volkswirtschaft – und die Wissenschaft darüber – als das wirtschaftliche Geschehen innerhalb der und zwischen den Volkswirtschaften Der Pferdefuss ist – nach Meinung des Verfassers – das ungute Spannungsverhältnis zwischen dem Wettbewerb (und der Haltung/Meinung der Ökonomen dazu) und der Demokratie.

Wettbewerb erzeugt immer Gewinner und Verlierer – wenn das auf sportlicher Basis und  freiwillig stattfindet, ist dagegen nichts einzuwenden. Anders sieht es dagegen aus, wenn die Teilnahme an dem Wettbewerb nicht freiwillig ist – erst Recht auf wirtschaftlichem Gebiet wo Existenzen und Lebensentwürfe betroffen sind –, sondern als natürliche Gegebenheit allen Handelns angesehen wird, so wie das ~ 80% der Ökonomen (der Mainstream) ansehen, voraussetzen und fordern(!), dann kann ein solches System nicht zur Verfassung von demokratischen Gesellschaft dienen.

Und so beantwortet sich die eingangs gestellte Frage von selbst: Ökonomie, Wettbewerb und Demokratie gehen nicht zusammen! Der Mythos Ökonomie, Wettbewerb und Demokratie passen schon (irgendwie) unter ein Dach ist in sich selbst falsch! Wettbewerb, als Eckpfeiler der Mainstream-Ökonomie verstanden, kann nur auf freiwilliger Basis und unter strengen Regeln und Aufsicht stattfinden. Alles andere ist undemokratisch!2)das ist ja der Treppenwitz der vergangenen Jahrhunderte: Die Ökonomen fordern die (weitgehende) Abwesenheit von staatlich gesetzten Regeln („macht der Markt, der freie Wettbewerb, alles besser“) – wohlwissend, das Markt den Staat (als Regulator und Schutzmacht) voraussetzt! – MYTHOS hat sich schon in vielen Postings mit diesem Thema auseinander gesetzt, Beispiele: Wettbewerb ist gut (Teile 1 – 3); und hier: Gesundheit oder Wirtschaft zuerst – die Gesundheit steht an erster Stelle, also die Gesellschaft und ihre Verfassung, denn was soll eine Wirtschaft mit kranken Menschen anfangen (außer diese auch noch als Kranke auszubeuten? 🙁 ); und hier: Die unsichtbare Hand – aka „Der Markt regelt alles am Besten!“ (Teil 1 – 2), was soll da eine demokratische Gesellschaft gestalten, wenn der Markt sowieso alles regelt?

Ein – nach Meinung des Verfassers – sehr schönes und wichtiges Werk hat Rolf Klein unter dem wichtigen Titelzusatz: „Politik für die unteren 90 Prozent“ veröffentlicht, ganz im Sinne von MYTHOS, denn nur eine Politik für die 90 %-Mehrheit eines Volkes kann den Anspruch erheben, demokratisch zu sein (zum Buch auf MAKROSKOP siehe auch hier).

Als Teaser aus dem Buch zitiert:

… Und 2017 ist das wiedervereinigte Deutschland dann – inflationsbereinigt und pro Kopf der Bevölkerung – doppelt so einkommensreich wie jene Überflussge-sellschaft des Jahres 1970, dem Jahr nach der ersten Landung von Menschen auf dem Mond.
Beste Voraussetzungen für ein gut funktionierendes, blühendes Gemeinwesen und für die unteren 90 Prozent der Bevölkerung, sollte man denken. Verglichen mit anderen Regionen der Welt gilt das ganz sicher. Vielen geht es wirtschaft-lich sehr gut. Dennoch sind manche Schatten erstaunlich tief, und die heutige Gesellschaft ist deutlich weniger zuversichtlich als jene vor 50 Jahren. …

Schatten? Auf unserem Wohlstand …? Hm?

… Das Glück – oder etwas bescheidener: das Wohlbefinden – steigt bekanntlich nicht im Gleichschritt mit dem Reichtum. Doch auch ohne eine so unrealistische Erwartung zeigen sich gewichtige Bereiche in überraschend schlechtem Zu-stand. Dass sich in Deutschland einmal Schlangen vor Essensausgaben bilden würden, die nicht mehr verkäufliche Lebensmittel zu Speisen für Bedürftige verarbeiten, konnte man sich 1970 noch nicht vorstellen, weder im Westen noch im Osten. Und wohl ebenso wenig, dass um 2020 eine siebenstellige Zahl von Kindern in Armut aufwachsen würde. …

Und was sind die Ursachen – unter anderem – für die Schlangen vor den Tafeln (und einer Armutsquote von ~ 16 %)?

… hat die Armutsquote in Deutschland einen historischen Wert erreicht … (andere Quelle)

Woher kommt das? [Anmerkungen HHö]

Die Arbeitseinkommen haben mit der Entwicklung der Volkswirtschaft nicht Schritt gehalten. Die Real-löhne im unteren Lohnspektrum sind sogar niedriger als vor einem Vierteljahrhundert. [Doch wohl nicht wegen der andauernden Gebete – und Maßnahmen – für „unsere Wettbewerbsfähigkeit“? Doch! Gerade des-halb!] Mancherorts wird das Wohnen unerschwinglich teuer. [Gerade deshalb! „Die Reichen wohnen da wo sie wollen, die Armen da wo sie sollen!“ Was halt im Wettbewerb um Wohn- und Schlafplatz am Ende noch übrigbleibt.] Und sobald es zu konjunkturellen Abschwüngen kommt, geht in der Mittel-schicht die Angst vor dem Abstieg um.
… Überlastung prägt auch weite Bereiche der öffentlichen Daseinsvorsorge, einschließlich des teil-weise privaten Gesundheitswesens und der Pflege. In Krankenhäusern und Altenheimen mangelt es an Zeit und Zuwendung. Öffentliche Verwaltungen, vom Jugendamt über die Gewerbeaufsicht bis zur Polizei, sind unterbesetzt und überfordert. Förderungen für Kinder und Jugendliche, die drohen, den Anschluss an unsere hoch komplexe Leistungs-gesellschaft zu verfehlen, bleiben unterfinanziert. In einer schlecht ausge-statteten Justiz dauern Zivilgerichtsverfahren so lange, dass es manchem Kläger wirtschaftlich den Hals bricht. Straftäter in Untersuchungshaft müssen wegen der Überlastung der Gerichte auf freien Fuß gesetzt werden. Beträchtliche Teile unserer öffentlichen Infrastruktur sind in Gefahr. Ob Schulen, Universitäten, Brücken oder Straßen: es bröckelt und zerfällt an vielen Stellen. [Meine Familie hat selbst, Anfang der 1990-iger, im Rahmen einer privaten Elterninitiative, an der Renovierung des Kindergartens für unsre Kinder teilgenommen – vor 30 Jahren!!]

Keine Angst, so geht das nicht weiter im Buch, aber diese tlw. dystopisch klingende Beschrei-bung ist eben der empirisch gesicherte Ausgangsbefund an dem nicht zu rütteln ist. Unbedingt erwähnt werden muss: Rolf Klein schreibt in einem sehr angenehmen und höflichen Ton – ich hätte an mancher Stelle eher ausgekeilt und zu kräftigen Formulierungen gegriffen –, das macht das Buch angenehm lesbar; durch anschauliche Beispiele werden die Zusammenhänge für jedermann verständlich dargestellt.

Abschließend aus der Buchbeschreibung des Verlags:

… Was ist dran am Bild vom „Standortwettbewerb“? Auf der Basis ökonomischer Einsichten wird ein politischer Kampfbegriff entzaubert. Am Ende der Analyse steht die Erkenntnis: Leistungsfähige Staaten haben mehr Gestaltungsfreiheit, als gemeinhin angenommen wird. Deutschland und die Europäische Union handeln aber deutlich unter ihren Möglichkeiten.

Klein scheut sich nicht im letzten Kapitel „Eine Politik für die unteren 90 Prozent – Gestaltungsmacht zurückgewinnen“ positive Möglichkeiten und Handlungsoptionen aufzuzeigen. Das sehr gut lesbare Buch ist hier zu finden

Für Interessierte eine unbedingte Leseempfehlung und ein gutes Geschenk für jedermann!

Einzelnachweise

Einzelnachweise
1 Ökonomie gemeint als Volkswirtschaft – und die Wissenschaft darüber – als das wirtschaftliche Geschehen innerhalb der und zwischen den Volkswirtschaften
2 das ist ja der Treppenwitz der vergangenen Jahrhunderte: Die Ökonomen fordern die (weitgehende) Abwesenheit von staatlich gesetzten Regeln („macht der Markt, der freie Wettbewerb, alles besser“) – wohlwissend, das Markt den Staat (als Regulator und Schutzmacht) voraussetzt! – MYTHOS hat sich schon in vielen Postings mit diesem Thema auseinander gesetzt, Beispiele: Wettbewerb ist gut (Teile 1 – 3); und hier: Gesundheit oder Wirtschaft zuerst – die Gesundheit steht an erster Stelle, also die Gesellschaft und ihre Verfassung, denn was soll eine Wirtschaft mit kranken Menschen anfangen (außer diese auch noch als Kranke auszubeuten? 🙁 ); und hier: Die unsichtbare Hand – aka „Der Markt regelt alles am Besten!“ (Teil 1 – 2), was soll da eine demokratische Gesellschaft gestalten, wenn der Markt sowieso alles regelt?

Dieser Beitrag hat einen Kommentar

  1. Rolf Klein

    Lieber Herr Höft,

    vielen Dank für diese Empfehlung meines Buches, auf die ich erst jetzt gestoßen bin!

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