Die unsichtbare Hand – aka „Der Markt regelt alles am Besten!“ – Teil 1

Der Markt regelt „alles“ – zu einem Gleichgewicht hin (Equilibrium), zum Vorteil aller. Heil der „Unsichtbaren Hand“ (invisible hand Adam Smith, 1776, Wohlstand der Nationen)1)vollständiger Titel: s. Wikipedia, kurz: Wohlstand der Nationen, The Wealth of Nations. Und wenn es mal nicht so klappt wie z. B. 1929 oder ab 2007 dann nur, weil der Staat stört, so wird gesagt, weil der Staat das Equilibrium, das Gleichgewicht, nicht zu lässt und das Walten der Unsichtbaren Hand stört.

Adam Smith (Bildquelle) der „Vater der Ökonomie“.

Es scheint fast so, als ob Adam Smith, der eigentlich nur eine „Untersuchung über die Natur und die Ursachen des Wohlstands der Nationen (…)“ zu schreiben beabsichtigt, von einer unsichtbaren Hand zu einem Zweck geführt wird, der nicht zu seinen Absichten gehörte: das Schreiben eines Schauerromans.

Verweise auf eine „unsichtbare Hand“, die sie mit Adam Smith in Verbindung bringen, sind allgegenwärtig in Büchern und Artikeln aus wissenschaftlichen und medialen Quellen. Dies ist seltsam, weil Adam Smith der Metapher der unsichtbaren Hand nicht die Bedeutung beigemessen hat, die Autoren ab der Mitte des 20. Jahrhunderts, ihr zukommen lassen. In diesem Beitrag diskutiere ich, was Adam Smith höchstwahrscheinlich mit der Metapher der „unsichtbaren Hand“ gemeint hat die ganz anders ist als das, was zu ihrer modernen Bedeutung geworden ist.
Quelle (Abstract und 1. Absatz)

Was regelt denn der Markt? Alles wo sich Kapital, Rendite, Rente, Zinsen rausschlagen lassen, möglichst risikolos! Sehr treffende Kommentare hier: Die Nummern 2, 3 (folgend Stefan Heinrich; er verwechselt wohl Ei und Henne, der Fehlschluss des Mainstreams – lieber Stefan merke: erst Staat dann Markt), 5  (Christian zu spanischen Kliniken), 9 (folgend alf frommer) usw. Die polemisch/ironischen Kommentare sind natürlich nicht ernst gemeint.

Der Mythos von der „unsichtbaren Hand“, davon, dass der „Markt alles für alle am Besten regelt“2)extreme Verballhornung dieses Diktums: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!“ Sozialdarwinismus auf die Spitze gebracht! 🙁 ist definitiv falsch und wird durch die – von Privat, „vom Markt“ – induzierten Krisen alle Nase lang, und seit Jahrhunderten, widerlegt!

Es wurde auf MYTHOS schon häufig direkt oder indirekt besprochen: Markt ohne Staat gibt es nicht! Der Staat – Organisation, Infrastruktur, Regeln und Aufsicht – ist Voraussetzung für Markt!

Was ist zu Adam Smith zu sagen? Er war Moral-Philosoph3)moral philosophy – Ggs. natural philosophy – bedeutete im damaligen Sprachgebrauch Geistes- und Gesellschaftswissenschaft; natural philosophy dementsprechend Naturwissenschaft und, zusammen mit seinem Freund David Hume wohl der Wichtigste der schottischen Aufklärer. Weder hatte er die Idee mit Wohlstand der Nationen einen Schauerroman in die Welt zu setzen – wie Gavin Kennedy seinen Kollegen Stefan Andriopoulos als Abstract seines Aufsatzes zitiert – noch die Idee: „Ich werde eine neue Wissenschaft begründen; ich werde jetzt Vater der Ökonomie werden!“ Dazu ist er erst später – in seiner heutigen Bedeutung sogar erst im 20ten Jahrhundert – von Dritten gemacht worden. Smith ist zweifellos der Begründer der „modernen Ökonomie“, das, was wir heute „klassische Ökonomie“ nennen, das kann wohl niemand bestreiten, diese Zuschreibung wird jedoch völlig falsch begründet und fußt im Wesentlichen auf zwei Worten: (die) Unsichtbare Hand (des Marktes).

Unsinn – Smith hatte seinem ersten großen Werk, der Theorie der ethischen Gefühle (The Theory of Moral Sentiments, 1759) als Geistes- und Gesellschaftswissenschaftler, Moral-Philosoph eben (und Universalgelehrter der er war), durch die Beobachtung vieler Phänomene seiner Zeit – der relativen Unterentwicklung Schottlands im unmittelbaren Vergleich zu England, der Entwicklung der Wirtschaft, des Binnen- und Außenhandels und des Kolonialismus – ein zweites großes Werk hinzugefügt … und zwar vielfach erkennbar(!) auf das Erste bezogen, auf die Theorie der ethischen Gefühle:

Was wir von Smith bezüglich des Verhältnisses von Staat und Markt lernen könnten, ist die Einsicht, dass die Unsichtbare Hand des Marktes und die Sichtbare Hand des Staates zum Wohl der Menschen zusammenarbeiten müssen: Beide sind notwendig und beide allein sind nicht hinreichend. Zwischen den beiden Hauptwerken Smiths, seinem ethischen und seinem politisch-ökonomischen, gibt es keinen Gegensatz [Anmerkg. HHö: Man kann also Erstes nicht ohne Letzteres – den Staat – haben!]. Deshalb können wir uns die Suche nach einem Dritten Weg zwischen Rauptierkapitalismus und Planwirtschaft eigentlich ersparen. Der Begründer der Politischen Ökonomie hat ihn schon gefunden, und das vor einem Vierteljahrtausend.

So schreibt Gerhard Streminger auf Seite 177 seiner vortrefflichen Biographie Adam Smith – Wohlstand und Moral (C. H. Beck, ISBN 978 3 406 70659 2 – sehr gut lesbar und interessant, unbedingte Leseempfehlung). Und weiter führt Streminger auf S. 182 aus:

Voraussetzung [nach Smith] ist allerdings, dass Markt und Individuen eingebettet sind in ein aufgeklärtes Staatsgefüge, das die Grundregeln vorgibt und deren Nichtbefolgung ahndet sowie weitere wichtige Aufgaben übernimmt [Anmerkg. HHö: z. B. Infrastruktur, Bildung].

Die Rezeption des Wohlstand der Nationen konzentrierte sich auf die Ausführungen zur natürlichen Freiheit, während die Passagen zur natürlichen Gerechtigkeit vergleichsweise wenig beachtet wurden. [Daher gilt] … Smith als Buhmann der die Brandschrift für einen ungezähmten Markt geschrieben hat. … Aber in Wahrheit lag Smith kaum etwas ferner, als Gier und Eigennutz der Menschen zu einer Art Normalfall zu erklären und sie moralisch zu beschönigen. Vielmehr war er der Meinung, dass der Markt nur dann seine heilsamen Wirkungen entfalten kann, wenn dieser von Dingen unabhängig gemacht ist, die der Markt selbst nicht schaffen kann.

Soweit Streminger zum „Fall Unsichtbare Hand“. Die Smith-Forschung streitet und streitet, dabei ist der Fall beispielhaft in den Zitaten zuvor entschieden. Ein erwachsener Mensch, nüchtern und bei Sinnen, käme – jenseits von Religion und Ideologie – nie auf die Idee eine unsichtbare Hand maßgeblich seine Existenz bestimmen zu lassen.

Zur Abrundung der Metapher von der Unsichtbaren Hand wird es noch einen Nachtrag geben, das wird sonst zu umfangreich hier.

Einzelnachweise

Einzelnachweise
1 vollständiger Titel: s. Wikipedia, kurz: Wohlstand der Nationen, The Wealth of Nations
2 extreme Verballhornung dieses Diktums: „Wenn jeder an sich denkt, ist an alle gedacht!“ Sozialdarwinismus auf die Spitze gebracht! 🙁
3 moral philosophy – Ggs. natural philosophy – bedeutete im damaligen Sprachgebrauch Geistes- und Gesellschaftswissenschaft; natural philosophy dementsprechend Naturwissenschaft

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