Zwischenruf 091120 – Hellseherei oder „Die Saat geht auf!“? 2020 in der Voraussicht von 1920

Henry L. Mencken

… gehörte neben Dorothy Parker und Walter Lippmann zu den bedeutendsten Journalisten der USA in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. …

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Henry L. Mencken – Wikipedia
Henry L. Mencken – Wikipedia

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Man wundert sich doch immer wieder über die Hellsichtigkeit von Menschen, dabei ist das doch alles ein Alter Hut. Wohin man auch schaut, welchen Philosophen, Psychologen, Soziologen man auch befragt – von den Ökonomen wollen wir hier garnicht erst reden: Der Mensch ist ein Lebewesen welches (weitgehend) von Gefühl und Instinkt – gute wie schlechte – geleitet und dafür immer wieder von seinen eigenen Instanzen (Verstand, Vernunft) zur Rechenschaft gezogen wird. Für einen wachen Kopf ist es immer möglich, diese Dinge zu durchschauen. Das ist die persönliche Einschätzung des Autors. Und doch: Mangelndes Denkvermögen und -willen; komplizierte Wirklichkeit, einfache Antworten …

Keine Angst, es folgt kein Trump- oder USA-Bashing, es kommt schlimmer, versprochen:

Präsidentschaftswahl in den USA, 1920. Es stehen als Favoriten Warren G. Harding – als Bayard, eine schillernde Politikerdynastie, bezeichnet – und James M. Cox zur Wahl. Letzterer als Lionhart benannt – Richard Löwenherz, ein überwiegend gut angesehener – in der Forschung aber umstrittener – englischer König.

Unter der Überschrift „Bayard vs. Lionheart“ schreibt H.L. Mencken:

Solche Tests [gemeint ist die Präsidentschaftswahl] ergeben sich unweigerlich aus der Demokratie der Herrschaft unreflektierter und schüchterner Männer, die in riesigen Herden von den Emotionen der Meute bewegt werden. … Wir messen die Integrität und Fähigkeit eines Bekannten nicht an seiner schwammigen Bereitschaft, unsere Ideen zu akzeptieren; wir schätzen ihn an der Ehrlichkeit und Effektivität, mit der er seine eigenen aufrechterhält. Wir alle, wenn wir die Gelegenheit haben nachzudenken [zu reflektieren], mögen und bewundern Männer, deren grundlegende Überzeugungen sich radikal von unseren eigenen unterscheiden. Aber wenn ein Kandidat für ein öffentliches Amt vor den Wählern steht, steht er nicht vor vernünftigen Männern; er steht vor einer Meute von Männern, deren wichtigstes Unterscheidungsmerkmal die Tatsache ist, dass sie völlig unfähig sind, Ideen abzuwägen oder auch nur das Elementarste zu begreifen – Männer, deren ganzes Denken von Emotionen bestimmt wird und deren vorherrschende Emotion die Furcht vor dem ist, was sie nicht verstehen können. So konfrontiert, muss der Kandidat entweder mit der Meute bellen oder sich für verloren halten. Sein einziges Ziel ist es, Verdacht [gegen sich] zu entkräften, Vertrauen in seine Rechtschaffenheit zu wecken um Anfechtungen zu vermeiden. Wenn er ein Mann der Überzeugungen, der Leiden-schaftlichkeit und der Selbstachtung ist, ist es grausam schwer. Aber wenn er, wie Harding, ein Dummkopf ist, wie die Idioten, denen er gegenübersteht, oder, wie Cox, ein biegsamer Intellektueller, … , ist es leicht.

Je größer die Meute, desto härter die Prüfung. In kleinen Gebieten, vor kleinen Wählerschaften, kämpft sich gelegentlich ein erstklassiger Mann durch, der durch die Kraft seiner Persönlichkeit sogar den Mob [die Meute] mit reisst. Aber wenn das Feld [der Wahl] landesweit ist und der Kampf vor allem aus zweiter und dritter Hand geführt werden muss*, und die Kraft der Persönlichkeit nicht so leicht spürbar werden kann, dann stehen alle Chancen auf den Mann, der von Natur aus der hinterhältigste und mittelmäßigste ist, der am geschicktesten die Vorstellung zerstreuen kann, dass sein Geist praktisch ein Vakuum ist.

Die Präsidentschaft neigt Jahr für Jahr dazu, sich an solche Männer zu wenden. In dem Maße, wie die Demokratie perfektioniert wird, repräsentiert das Amt mehr und mehr die innere Seele des Volkes. Wir bewegen uns auf ein erhabenes Ideal zu. An irgendeinem großen und glorreichen Tag werden die einfachen Leute des Landes endlich ihren Herzenswunsch erfüllen, und das Weiße Haus wird von einem regelrechten Schwachkopf geschmückt werden.

*was gerade heute – im Fernseh-/ Internetzeitalter – noch mehr als damals durchschlägt: All‘ die Maskenbildner, Schneider und Friseure, die „Spindoctoren“ und Marketingexperten, die „Influencer“, Medien und Multiplikatoren die, wie von Mencken beschrieben, als „zweite und dritte Hand“ wirken und den wahren Charackter des Arschlochs (Tschuldigung) des Kandidaten verbergen.

Vorstehendes ist zitiert aus der eigenen Übersetzung des Artikels aus The Evening Sun, Baltimore, 26.07.1920 (IV. bis Ende) – Anmerkungen, Verdeutlichungen in […] und Unterstreichung – HHö.  Das Zitat ist ausführlicher als das im eingangs verlinkten Wikipediaeintrag. Mob übersetzt MYTHOS hier, im zitierten Artikel, grundsätzlich mit Meute – im Sinne einer aufgeregten, aufgestachelten, emotionalisierten Menschenmenge.

Betreffend 2020: Sicher ist Joe Biden nicht in die Rubrik downright moron (am besten zu übersetzen mit „regelrechter Schwachkopf“) ein zu ordnen.

Was sagt uns das ganze noch? Da muss sich jeder selbst ein Urteil bilden; der Autor erlaubt es sich anhängend ein paar Gedanken dazu zu äußern.

Ich habe versprochen: „Kein USA- oder Trump-Bashing, es kommt schlimmer!“ Also:

  • Man muss kein Hellseher sein um zu erkennen, dass die menschliche Natur hier mitspielt: Die Masse denkt (und handelt) nach dem Motto: „Wir stecken bis zum Hals im Dreck – das kennen wir –, bloß nix ändern, es könnte etwas kommen, was wir nicht kennen(!), es könnte noch schlimmer kommen!“1)Konrad Adenauer hat das perfekt vorexerziert, 1957: „Keine Experimente“. Adenauer: „Wenn die Reklamefritzen dat meinen, dann machen wa dat so!“2)Nicht zu vergessen: Der Herdentrieb, der dem Finanzsektor innewohnt: Steigen die Aktien, kaufen alle Aktien – sie könnten morgen ja noch teurer sein –, also steigen die Aktien weiter … Angst ist ein schlechter Berater; Vorsicht und Skepsis – gepaart mit offenem, freiem Denken – sollten zur Schaffung von Sicherheit ausreichen.
  • Menschen ziehen natürlicherweise Grenzen: a) um zwischen „WIR“ und DIE“ zu trennen (ausgrenzen) – das schafft ein Gefühl von Sicherheit und b) um sich und seiner „Sippe“ eine Kontur zu geben (eingrenzen) – das schafft ein Gefühl von Übersichtlichkeit (vergleiche Dunbar-Zahl).
  • Nur weil niemand an einer Wahle ge-/ oder behindert wird, nur weil man öffentlich und privat – im gesetzlich und sozial angepassten Rahmen – seine Meinung sagen kann ist noch keine Demokratie am Werk. Deutlich wird das z.B. am sog. Böckenförde-Diktium:

    „Der freiheitliche, säkularisierte [weltliche] Staat lebt von Voraussetzungen, die er selbst nicht garantieren kann“

    Das bedeutet nichts anderes, als dass echte Demokratie voraussetzt, dass täglich mit einander gesprochen und zugehört, mitgedacht und mitgetan wird – und dass sich ALLE an die verabredeten Reglen halten. Demokratie kann dauerhaft nur durch aktives Mittun bestehen! Es reicht nicht aus, in regelmäßigen Zeitabständen wählen zu gehen und zu glauben, dass das das Wesentliche wäre, was Demokratie ausmacht!

  • Mencken ist zuzustimmen, wenn er sagt (s.o.):

    [Der Kandidat] steht vor einer Meute von Männern, deren wichtigstes Unterscheidungsmerkmal die Tatsache ist, dass sie völlig unfähig sind, Ideen abzuwägen oder auch nur das Elementarste zu begreifen – Männer, deren ganzes Denken von Emotionen bestimmt wird und deren vorherrschende Emotion die Furcht vor dem ist, was sie nicht verstehen können.

    Das bedeutet, dass die Meute – vorsichtig ausgedrückt – nicht besonders intelligent ist, nicht rational denkt und handelt. Wie ist es beispielsweise zu erklären, dass die „Covidioten“ (Dank an Frau Eskens) genau die Beschneidung der Rechte beklagen, welche sie, im Moment Ihrer Klage, ausüben? Wieso bemerkt diese Meute nicht den Widerspruch im eigenen Handeln und Denken?

    Es war noch nie besonders intelligent sich an eine Meute (einen Mob) zu hängen – und sei es mit „aktiver“ Untätigkeit – und hinterher zu behaupten: „Davon hab‘ ich nix gewusst!“

  • Zu letzt: „Die Saat geht auf!“ Analog zum Wettbewerbsgedanken – der nicht nur Gewinner sondern auch Verlierer zur Folge hat – ist der Gedanke an die die Herrschaft des Volkes („Demokratie“) – wie gezeigt – ein zweischneidiger. Die Praxis zeigt eher eine Herrschaft von Eliten, Kapitalisten und Vertretern von Einzelinteressen; das Volk wird mit ein klein bisschen Wohlstand ruhig gestellt. Die Stimmen derer die sagen: „Hör‘ zu, sprich mit, tu‘ mit!“ sind – soweit vorhanden – zu zaghaft, nicht fordernd genug, und werden überhört. Mitbestimmen, mittun ist ein Geschenk, mit dem nicht jeder etwas anfangen kann, das nicht jeder haben will.

Auch Winston Churchill hat zur Demokratie bemerkenswertes gesagt, bemerkenswert als „Langzitat“, weniger in der bekannten Kurzform. Dazu bei anderer Gelegenheit.

Aktuell zu Trump (im vorstehenden Kontext) ein abschließender Kommentar aus der Internationalen Presseschau auf dlf vom 7.11.20:

Die Zeitung DE VOLKSKRANT aus den Niederlanden vermisst angesichts von Trumps Reaktion einen internationalen Aufschrei: „Zwar äußerten die Demokratische Partei und die amerikanischen Mainstream-Medien ihre Wut, und sogar Fox News reagierte empört. Doch wo die Welt gewöhnlich lauthals von Schande spricht, wenn sich einige afrikanische Präsidenten mit Einschüchterungen und unbegründeten Wahlbetrugs-Anschuldigungen an die Macht klammern, herrschte jetzt ohrenbetäubende Stille.“ So weit DE VOLKSKRANT aus Amsterdam.

Aktive Untätigkeit und Schweigen in internationaler Dimension! Dabei wollen wir es als Stoff zum Nachdenken belassen.

Einzelnachweise

1 Konrad Adenauer hat das perfekt vorexerziert, 1957: „Keine Experimente“. Adenauer: „Wenn die Reklamefritzen dat meinen, dann machen wa dat so!“
2 Nicht zu vergessen: Der Herdentrieb, der dem Finanzsektor innewohnt: Steigen die Aktien, kaufen alle Aktien – sie könnten morgen ja noch teurer sein –, also steigen die Aktien weiter …

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