Wettbewerb ist gut – Teil 1

„Unternehmen stehen im Wettbewerb mit einander um die Gunst der Kunden.“

Bild von Arek Socha auf Pixabay.com

Was ist also dran am Mythos „Wettbewerb ist gut“ und welche Bedeutung hat er für die Menschen?

Um auf den Eingangssatz zurückzukommen – sollte dieser vielleicht nicht besser heißen: Unter-nehmen bewerben sich um die Gunst der Kunden? JA! Und das sollte mehr als nur Wortspielerei sein. Eine Bewerbung um eine Gunst, um einen Job, um einen Partner ist eine Bewerbung, ein Angebot und kein Wettbewerb1)Wir sind hier nicht im Märchen: Die Zeiten in denen Ritter in potentiell tödlichen Duellen um die Hand einer Prinzessin im Wettbewerb kämpften sind gottlob vorbei. Die (Vor-)Auswahl der Wettbewerber bestimmte im Märchen der König, es ging also beileibe nicht um die Gunst der Dame.!

Wettbewerb ist ein relatives Konzept: Der Eine ist besser im Vergleich zu einem Anderen, das bedeutet: Es gibt Gewinner und Verlierer. Allein aus dieser logischen Überlegung heraus hält der Verfasser das Wettbewerbskonzept für eine problematische, wenn auch gängige, metaphorische Umschreibung des Geschehens ökonomischer Vorgänge: Hier sind Menschen betroffen, Existenzen; es geht eben weder um Unterhaltung noch um Medaillen.

Der Mythos „Wettbewerb ist gut“ ist im ökonomischen Bereich nicht tot zu kriegen.2)Vermutlich ist das so, weil Menschen sich grundsätzlich als (potentielle) Gewinner gut fühlen. Dieses Gefühl – „ich bin auf der Gewinnerseite“ – wird dann gerne auch auf weitere Bereiche übertragen, wo es eigentlich fehl am Platz ist. Man sollte diesen Mythos deswegen als untaugliches Konzept kennzeichnen und aus dem ökonomischen Bereich verbannen.

Wettbewerb ist unterhaltsam: P wirft weiter als H, B rennt schneller als G usw. Das kann man dann auch schön in Zahlen fassen, 91,72 m ist eben weiter als 80,41 m3)Der erste Speerwurf über 80 m, Franklin Held, 1953, bzw. über 90 m, Terje Pedersen, 1964.. Schon bei Nummer 1 singt schöner als Nummer 4 wird es problematisch, da kommen Faktoren ins Spiel, die mit Wettbewerb nichts zu tun haben. Wollen wir jetzt noch über Eiskunstlaufen reden, über Turm-springen oder Autorennen? Lasst uns über Ökonomie reden, und darüber, was die Menschen für einen Preis für Wettbewerb aufzubringen haben!

Hier wird es schwieriger als in den Beispielen zuvor, ein Denken in Wettbewerbskategorien wird eindeutig zum zweischeidigen Schwert:

„Wettbewerb ist gut“, vereinfacht gesagt: Ein Unternehmen, dessen Produkte in der Bewerbung um die Kunden nicht mehr berücksichtigt werden scheidet aus dem Markt aus und setzt – im Idealfall – seine Arbeitnehmer frei zur Arbeit bei dem Unternehmen dessen Produkte statt dessen nachgefragt werden. Man sieht hier schon, wie problematisch das Wettbewerbsdenken allein auf nationaler Ebene ist: Dass die freigesetzten Arbeitnehmer idealerweise 1:1 vom Verlierer zum Gewinner wechseln findet in der Praxis so nicht statt, allein schon aus örtlichen Gründen nicht.

Okay, auf nationaler Ebene wirken, im Idealfall sog. „automatische Stabilisatoren“, welche die betroffenen Menschen zumindest temporär auffangen, z. B. Arbeitslosenversicherung, Anspruch auf Kurzarbeitergeld, auf berufliche Weiterbildung usw., das ist aber nur ein kurzfristig und nur bedingt wirksames Heilmittel.

Das hilft weder mittel- noch langfristig, und schon garnicht gegen politisch gewollten Wettbe-werb, z.B. im Gesundheitsbereich. Wettbewerb privater Träger gegen öffentlicher Träger, Privat gegen „Kasse“, Privatkrankenhaus gegen öffentliches Krankenhaus.

An Krankheit sich gesund stoßen, ein besonders perfides Geschäftsmodell:

Private Klinikträger: Die Großen erzielen gute Gewinne

Dass gerade Beschäftigte in Helios-Kliniken über Leistungsverdichtung klagen, kommt nicht von ungefähr. Der börsennotierte Konzern setzt sich besonders hohe Gewinnziele: Nach fünf bis sechs Jahren soll eine übernommene Klinik 12 bis 15 Prozent Rendite erwirtschaften. In den kürzlich zugekauften Häusern lag diese Kennzahl (Ebit-Marge/Gewinn vor Zinsen und Steuern in Prozent des Umsatzes) 2014 bei 8,8 Prozent.)

Quelle

Und das alles für den „heiligen Wettbewerb“? Was soll das im Gesundheits- und Pflegebereich bringen? Mehr Reichtum für die Reichen, für „die Investoren“ – für die Leistungserbringer mehr präkere Beschäftigung und Kleinstrenten im Alter – was denn sonst! Wieso darf ein Pfleger, eine Pflegerin nicht soviel Geld verdienen, dass Er/Sie mit ihren Familien ein anständiges(!!) Leben führen können? Wieso gibt es im Pflegebereich keinen bindenden Tarifvertrag? Sollten wir nicht auch konkurrierende (wettbewerbende) Feuerwehren haben – und wer billiger („effizienter“) löscht, der darf zur Brandstelle?

Was bedeutet der Wettbewerb noch? Billiges Grillfleisch auf Kosten einer gesundheitsgefähr-denden Ausbeutung prekärer Arbeitsverhältnisse: Schlecht bezahlt, schlechte Wohn-, Hygiene- und Arbeitsberhältnisse.4)Deutschland ist Schweinefleischexportland #2, nach den viel größeren USA. Nebenef-fekt: Grundwasserverseuchung mit Nitrat, alles für „unsere Wettbewerbsfähigkeit!“5)siehe auch hier: „Fleischindustrie und Gesundheit „Die Bundesregierung hat der Fleischindustrie Extrawürste gebraten““ Wer glaubt das sei in anderen Bereichen „nicht so schlimm“6)KiTa, KiGa, Lehrer, Polizei, alle unteren und mittleren Lohngruppen in der Wirtschaft, der Verwaltung und im Öffentlichen Dienst verät sich schon im Ansatz: Also schlimm ist es schon, aber nicht „so“! Die Agenda 2010 lässt grüßen.7)Das ist nicht nur der „Agenda“ zu verdanken, das Problem ist grundsätzlicher Natur. Schon seit der Ära Kohl (eigentlich schon seit Erhard/Vocke) sorgte die politisch gewollte und begleitete „Lohnmoderation“ dafür, dass die Reallöhne in Deutschland von 1991 bis 2012 von 98,6 auf 101,7 gestiegen sind, in 21 Jahren um 3,1 Punkte oder, andere Quelle, in 15 Jahren, 2000 – 2015, von 102 auf 106 also in 15 Jahren um 4 Punkte!

Was soll dieser neoliberale Quatsch? Hallo, Politik, bitte zuhören, bitte hingucken, bitte handeln!

Der Autor dieser Zeilen plädiert dafür, dass ein Kampfbegriff wie „Wettbewerb“ eindeutig aus dem Diskurs ausgeschieden wird! Zu den Verwerfungen auf internationaler Ebene kommen wir in „Wettbewerb ist gut – Teil 2“.

Einzelnachweise

1 Wir sind hier nicht im Märchen: Die Zeiten in denen Ritter in potentiell tödlichen Duellen um die Hand einer Prinzessin im Wettbewerb kämpften sind gottlob vorbei. Die (Vor-)Auswahl der Wettbewerber bestimmte im Märchen der König, es ging also beileibe nicht um die Gunst der Dame.
2 Vermutlich ist das so, weil Menschen sich grundsätzlich als (potentielle) Gewinner gut fühlen. Dieses Gefühl – „ich bin auf der Gewinnerseite“ – wird dann gerne auch auf weitere Bereiche übertragen, wo es eigentlich fehl am Platz ist.
3 Der erste Speerwurf über 80 m, Franklin Held, 1953, bzw. über 90 m, Terje Pedersen, 1964.
4 Deutschland ist Schweinefleischexportland #2, nach den viel größeren USA. Nebenef-fekt: Grundwasserverseuchung mit Nitrat, alles für „unsere Wettbewerbsfähigkeit!“
5 siehe auch hier: „Fleischindustrie und Gesundheit „Die Bundesregierung hat der Fleischindustrie Extrawürste gebraten““
6 KiTa, KiGa, Lehrer, Polizei, alle unteren und mittleren Lohngruppen in der Wirtschaft, der Verwaltung und im Öffentlichen Dienst
7 Das ist nicht nur der „Agenda“ zu verdanken, das Problem ist grundsätzlicher Natur. Schon seit der Ära Kohl (eigentlich schon seit Erhard/Vocke) sorgte die politisch gewollte und begleitete „Lohnmoderation“ dafür, dass die Reallöhne in Deutschland von 1991 bis 2012 von 98,6 auf 101,7 gestiegen sind, in 21 Jahren um 3,1 Punkte oder, andere Quelle, in 15 Jahren, 2000 – 2015, von 102 auf 106 also in 15 Jahren um 4 Punkte!

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