„Wohlstand ist eigene Leistung“ – Teil 2

Hält der in Deutschland in einen Glauben verwandelt Mythos, „unser Wohlstand“ hing mit den „marktwirtschaftlichen Reformen“ zusammen, die ein („unser“) Ludwig Erhard in Deutschland gegen den Zeitgeist durchgesetzt hatte, was er verspricht?

 

Über den Dingen aber auf dem Kopf (etwas Ironie muss sein) Bild von pietersandt auf Pixabay.com

Was ist dran am Mythos: „Wohlstand ist eigene Leistung – das haben wir unserem Genie Ludwig Erhard zu verdanken, dem Vater der D-Mark und der „sozialen Marktwirtschaft“?

Im ersten Teil zum Thema, „Wohlstand ist eigene Leistung“, haben wir bereits festgestellt, dass dem nicht so ist, sondern dass äußere Umstände ausschlaggebend waren. Wie ist es nun um den Faktor „Genie Ludwig Erhard“ bestellt? Zitat:

(Seite 8): … Er [Ludwig Erhard] verschwieg, dass er seit 1947 einen Beratervertrag für die AG in der Tasche hatte und dafür mit 12.000 DM jährlich von den alten Kameraden honoriert wurde. Das ließ die Militärregierung erheblich an Erhards Integrität zweifeln und sie stufte ihn als käuflich ein. …

(Seite 9): … Hartnäckig hält sich auch die Legende, Erhard habe mit der Erfindung der D-Mark und der Aufhebung der Preiskontrolle gegen den Willen der Militärverwaltung der Amerikaner, die Deutschen zu Wohlstand und Freiheit geführt. Von ihm stammt nicht einmal der Name der neuen Währung. …

„Erhard erfuhr“, so der heutige Leiter des Museums „Währungsreform“, Bernd Niesel, „vermutlich wie jeder andere Deutsche von der Einführung der DM durch den Rundfunk.“ Das hinderte Erhard allerdings nicht daran, sich selbst, den Orden des Vaters der DM an die Brust zu heften. …

Quelle

Der Mythos Ludwig Erhard hält näherer Betrachtung nicht stand. Man darf, ohne Konsequenzen zu fürchten, zitieren, dass er „von den Allierten für käuflich gehalten wurde“ und ihm das „sichere Gespür eines durchtriebenen Abstaubers“ nachsagen (s. Quelle o.).

Warum beschäftigt sich MYTHOS mit der (umgangssprachlich) „ollen Kamelle“ Ludwig Erhard? Weil an diesem Beispiel gezeigt werden kann, wie problematisch unreflektierte Meinungsbil-dung ist. Weder „ist Wohlstand ausschließlich eigene Leistung“ noch hat einer der Hauptbeteiligten irgendetwas von dem, was ihm „positiv“ nachgesagt wird, bewirkt.

Daraus folgt: Jeder ist selbst verantwortlich, für das was er wissen will. Leider erleben wir immer wieder das alte Bild: Märchen, Märchen, Märchen!

… Und da, wo sie Konsequenzen bis heute haben [die falschen Mythen – HHö], etwa wenn marktradikales Handeln als „soziale Marktwirtschaft“ verkauft werde – dafür habe Ludwig Erhard den Boden bereitet. Kritisch sieht Ulrike Herrmann auch die Rolle der Bundesbank, die Millionen Arbeitslose produziere und so dafür gesorgt habe, dass die Wiedervereinigung nicht als die ökonomische Erfolgsgeschichte wahrgenommen worden sei, die sie war. Sie plädiert für ein Aufräumen mit den alten Mythen – auch damit bei den wirtschaftlichen Krisen von morgen nicht die Fehler von gestern gemacht werden.

Quelle

Achtung, Leute, niemand muss der täglichen, interessengeleiteten Kakophonie folgen, denn:

Wenn sie es schaffen [Konzerne, Regierungen], dass die Menschen die falschen Fragen stellen [oder an Märchen glauben], müssen sie sich nicht um die Antworten sorgen.“ [Anmerkungen HHö]

… so Edward Snowden (im IV 16.09.19, auf dlf), dann werden wir uns immer wieder aufs Neue in den Teufelskreis begeben, aus dem die Menschen eigentlich heraus wollen

Mit dem, höflich ausgedrückt, schwierigen Charackter des Menschen Ludwig Erhard wollen wir uns nicht weiter beschäftigen, das verlinkte Papier (und die gültige Quellenlage) sagt hierzu alles. Darüberhinaus ist in der taz zu lesen:

… Im Oktober 1945 macht die amerikanische Militärregierung Erhard zum bayerischen Wirtschaftsminister. Während seiner Amtszeit verschwinden Roh-stoffe im Wert von mehreren Millionen Reichsmark. Der erste parlamentarische Untersuchungsausschuss in der westdeutschen Geschichte konstituiert sich und spricht Erhard zwar frei, stellt aber fest, dass er sich als Minister nicht eignen würde. [Hervorhebung HHö] … Mit der Währungsreform am 20. Juni 1948 hat er nichts zu tun; Konzept und Durchführung liegt bei den Amerikanern. Erhard gibt allerdings die meisten Preise frei, was zu einer starken Inflation führt, die vor allem Arme trifft. …

Quelle

Insbesondere die blinde Freigabe der Preise und die darauffolgende starke Inflation von bis zu 200% bei alltäglichem Bedarf wie Lebensmitteln und Textilien, und mündete schließlich in den Generalstreik von 1948. Dies belegt einmal mehr, dass Ludwig Erhard keine soziale Marktwirt-schaft nach heutigem Verständnis im Sinn hatte, sondern eher eine marktliberale.

Am 12. November 1948 kam es schließlich zum bislang letzten Generalstreik in Deutschland: Über 9 Millionen Menschen legten die Arbeit nieder – das entsprach einer Beteiligung von knapp 80 Prozent –, obwohl nur 4 Millionen einer Gewerkschaft angehörten und es auch kein Streikgeld gab. 9 Millionen verzichteten auf ihr knappes Einkommen, damit Wirtschaftsdirektor Erhard endlich verstand, dass seine Politik des „freien Marktes“ gescheitert war.

Übrig geblieben sind nur der Mythos von Erhard als wirtschaftspolitischem Superstar und die Legende, dass seine marktliberale Preisfreigabe das „Wirtschaftswunder“ ausgelöst hätte. Solange diese falschen Erzählungen geglaubt werden, haben die Neoliberalen in Deutschland und Europa vermutlich leichtes Spiel.

Quelle

…Am 16. Oktober 1963 wird Erhard Nachfolger von Adenauer als Bundeskanz-ler. 1965 fährt er mit 47,6 Prozent für die Union einen Wahlsieg ein. Bald darauf schwächt sich das Wachstum jedoch ab. [Hervorhebung/Anmerkung HHö: Als es schwierig wurde, wo war da Erhards Genie?] Die Arbeitslosigkeit steigt, die Union fürchtet um ihre Mehrheit und zwingt Erhard am 1. Dezember 1966 zum Rücktritt. Bis zu seinem Tod am 5. Mai 1977 gehört Erhard dem Bundestag an.

Quelle

Die von Ulrike Herrmann genutzten Quellen sind angegeben unter dem Link zur taz. Eine Lese-empfehlung ist ihr Buch wert, für einen ersten Eindruck genügt die Leseprobe.

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