„Wohlstand ist eigene Leistung“ – Teil 1

… so oder so ähnlich lautet der Mythos. „Dass es Deutschland so gut geht beruht auf deutscher Tüchtigkeit.“ Wenn das so richtig ist, was bedeutet das?

Über den Dingen, aber auf dem Kopf (etwas Ironie muss sein): Bild von pietersandt auf Pixabay.com

Da Deutschland seit vielen Jahren Exportweltmeister ist, bedeutet dies: Deutschland ist tüchtig, die Welt ist (so zu sagen) „untüchtig“! Deutschland ist klüger, pfiffiger, schneller … einfach besser!

Dazu ein Zitat von Warren Buffet, einem der reichsten Männer der Welt:

Ich persönlich glaube, dass ich mein Einkommen zu einem wesentlichen Teil der Gesellschaft zu verdanken habe. Würde man mich irgendwo in Bangladesch oder Peru aussetzen, würde man schnell feststellen, wie wertlos mein Talent in der falschen Umgebung ist. Ich würde nach dreißig Jahren immer noch ums Überleben kämpfen.

Quelle: Ha-Joon Chang (zitiert von Ulrike Herrmann in „Kein Kapitalismus ist auch keine Lösung“, S. 235)

Bezogen auf den Mythos bedeutet dieses aber auch: Keiner wird alleine reich, keiner kann beanspruchen, seinen Wohlstand allein ereicht zu haben. Die eigene Leistung muss natürlich eingebracht werden (im Zitat vertreten durch Talent), sie ist jedoch den Bedingungen (im Zitat vertreten durch die [richtige] Umgebung), nachgeordnet.

Der Mythos „Wohlstand ist eigene Leistung“ kann logisch nicht begründet werden. Er ist falsch!

Selbst große Länder (wie z.B. die USA) die sowohl über Bodenschätze aller Art, gute klimatische Verhältnisse, gute Böden für hochentwickelte Landwirtschaft und über eine große Bevölkerung verfügen, können nicht allein aus eigener Kraft wohlhabend werden. Wie alle Länder sind sie darauf angewiesen, Handel zu treiben: Produkte und Leistungen international zu verkaufen damit sie international Produkte und Leistungen einkaufen können, um sich zu entwickeln.

Im Posting „Deutschland macht alles richtig“ haben wir bereits dargelegt, wie abhängig Deutschland im Wiederaufbau war (Marschallplan (ERP), Londoner Schuldenabkommen, Ost-West-Gegensatz, chronische Unterbewertung der D-Mark – um nur die historischen Haupt-punkte zu nennen)1)Hinzu kam noch die „… gemeinsam ausgekochte Strategie (Ludwig Erhard und Wilhelm Vocke), die man als „monetären Merkantilismus“ … bezeichnen könnte. Die beiden Schlitzohren hatten überlegt, dass man mittels „überlegener interner Disziplin“ die westdeutsche Inflation unterhalb der Inflation in Handelspartnerländern halten könne, wodurch man dann … die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Westdeutschlands stärken und damit Nettoexporte und Wachstum und Beschäftigung anregen würde. Das funktionierte auch alles wunderbar. … Nettoexporte als Wachstumsmotor. …“ Quelle und in „Am deutschen Wesen …“ wurde beschrieben (am Ende, Punkte 2) und 3)), wie abhängig Deutschland heute noch von einer Art Amnesie der ausländischen Partner, einer Unfähigkeit zu Sehen und Sich-zu-wehren, ist. Auf EWU-Ebene ist durch die deutsch dominierte Konstruktion des €uro und der EZB diese Wehrlosigkeit „quasi serienmäßig“ eingebaut. Hinzukommt die „innere Abwertung“ seit Mitte der 1990-iger (Regierung Kohl) und der Agenda 2010 (Regierung Schröder). Das wird sich jetzt mit der Corona-Krise ändern, Zeithorizont: ca. 2-3 Jahre. Man ist – so wie das Warren Buffet in seinen Worten sagt – eingebettet in das Gesamtgeschehen; und nicht nur das eigene Talent, die eigene Leistung entscheidet, sondern zu einem sehr großen Teil das, was einem die anderen mehr oder weniger freiwillig zugestehen.

Es ist logisch, dass gerade der Exportweltmeister hier am Stärksten gerupft werden wird.

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Nachtrag:

“Es stellt sich heraus, dass die Rumänen und Bulgaren neben einem stählernen Rücken auch so verzweifelt nach Arbeit sein müssen, dass sie es nicht wagen, eine Pandemie-Lohnprämie zu verlangen, … . Für die Dauer des Vertrages bleiben sie dem Arbeitgeber ausgeliefert, der allein die Befugnis hat, die Rückreise zu organisieren.
… (W)enn die rumänischen Arbeiter das Virus mit nach Hause nehmen oder wenn ihnen der Rücken bricht, muss sich das deutsche Gesundheitswesen nicht um sie kümmern. Deutsche Arbeitgeber werden sie vor Ablauf der 115-tägigen Befreiung von den Sozialversicherungsbeiträgen nach Hause schicken.
Die Last einer Behandlung wird auf das rumänische Gesundheitssystem abgewälzt, das Ärzte und Krankenschwestern an Deutschland verloren hat und das wahrscheinlich nie einen Cent der Einnahmen sehen wird, die aus dem Verkauf der Ernte erzielt werden.
… In vielerlei Hinsicht stellen die Spargelstecher, Salatpflücker und Pflegekräfte die effizienteste Arbeitsform in Europa dar: billig, hochproduktiv, unversteuert, auch wenn sie gedemütigt werden und ein potenzielles Risiko für die öffentliche Gesundheit darstellen.

Quelle

Wohlstand ist eigene Leistung? Es darf gestaunt werden!

Einzelnachweise   [ + ]

1. Hinzu kam noch die „… gemeinsam ausgekochte Strategie (Ludwig Erhard und Wilhelm Vocke), die man als „monetären Merkantilismus“ … bezeichnen könnte. Die beiden Schlitzohren hatten überlegt, dass man mittels „überlegener interner Disziplin“ die westdeutsche Inflation unterhalb der Inflation in Handelspartnerländern halten könne, wodurch man dann … die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Westdeutschlands stärken und damit Nettoexporte und Wachstum und Beschäftigung anregen würde. Das funktionierte auch alles wunderbar. … Nettoexporte als Wachstumsmotor. …“ Quelle

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