„Am deutschen Wesen …

… mag die Welt genesen“ so hieß es zu Kaisers Zeiten. Heute wird das umgedichtet in „… wird die Welt krank!“

Kaiser Wilhelm zwo Denkmal in Köln – Bild von K.H.J-MCI auf Pixabay

Welcher Mythos kommt der Realität am nächsten? Beide sind zugespitzt und nicht wörtlich zu nehmen.

Dem ersten Mythos sind wir bereits hier (in Gestalt von: „Deutschland macht alles richtig“) nachgegangen und haben ihn als falsch enttarnt, also was ist nun mit dem Zweiten?

„Its the economie, stupid“ (Es ist die Ökonomie, Dummkopf) noch so ein Mythos – der allerdings große Tragkraft hat. Da die Notwendigkeit gesunder wirtschaftlicher Entwicklung für alle Länder und Völker essentiel ist bedeutet dies logisch, dass wer dauerhaft die Exportweltmeisterschaft (Leistungsbilanz-/Exportüberschüsse) für sich reklamiert kein Vorbild sein kann! Es sind die Voraussetzungen und Möglichkeiten zu unterschiedlich – das Verhalten, welches zur Exportwelt-meisterschaft führt, kann nicht dupliziert werden.

Was heiß das nun für den Befund (freundlicher formuliert): „Die deutsche Politik ist ein Problem für die Welt.“ Dieses ist leider kein Mythos sondern traurige Realität!

Der letzte Beitrag endete mit dem Hinweis auf Paul Krugman (die englische Wikipedia ist ausführlicher). Er kann uns heute – als eine internationale Stimme unter vielen, die Gewicht hat – behilflich sein zu hinterfragen, inwiefern Europa und die Welt eine andere Politik in Deutschland brauchen (und nicht zu letzt auch Deutschland). Sein Beitrag im Original und hier in Zitaten daraus in deutsch (Übersetzung HHö mit Hilfe von deepl.com):

Das Komische ist, dass es einige Aspekte der europäischen Politik, insbesondere der deutschen Wirtschaftspolitik gibt, die der Weltwirtschaft schaden und die verurteilt werden müssen.

…Während hier und in Europa der Schuldenalarm herrschte, wurde aber schließlich klar, dass es einen entscheidenden Unterschied in der zugrunde liegenden Motivation gab. Europa behandelt uns in der Tat nicht schlecht; seine Märkte sind für amerikanische Produkte etwa so offen wie unsere für europäische. …

Das Problem ist vielmehr, dass die Europäer und insbesondere die Deutschen sich selbst schlecht behandeln, mit einer ruinösen Besessenheit gegen öffentliche Verschuldung. Und die Kosten dieser Besessenheit schwappen auf die ganze Welt über. [Hervorhebung HHö]

Einige Hintergründe: Um das Jahr 2010 herum haben Politiker und Experten auf beiden Seiten des Atlantiks einen schlimmen Anfall von Sparwut bekommen. Irgendwie haben sie das Interesse an der Bekämpfung der Arbeitslosigkeit verloren, obwohl sie katastrophal hoch blieb, und stattdessen Ausgabenkür-zungen gefordert. Und diese Ausgabenkürzungen, die in einer schwachen Wirtschaft beispiellos sind, verlangsamten die Erholung und verzögerten die Rückkehr zur Vollbeschäftigung [nach der Finanzkrise 2008/9, HHö].

Während hier und in Europa ein Schuldenalarm herrschte, wurde jedoch schließlich klar, dass es einen entscheidenden Unterschied in der zugrunde liegenden Motivation gab. … Die Deutschen hingegen meinten es wirklich ernst.

Deutschland erzwang [durch die Troika, HHö] die schuldengeplagten Nationen in Südeuropa zu bestrafen, gesellschaftszerstörenden Ausgabenkürzungen vorzunehmen; aber es hat sich selbst auch viel Sparsamkeit auferlegt.1)Krugman vergisst hier explizit auszuführen, dass durch sparen, d.h. Ausgabenkürzung, noch nie Wachstum erzeugt worden ist oder jemals erzeugt werden kann! In der Lehrbuchökonomie heißt es, dass die Regierungen in Zeiten hoher Arbeitslosig-keit Defizite machen sollten, aber Deutschland hat sein Defizit im Grunde genommen 2012, als die Arbeitslosigkeit in der Eurozone mehr als 11 Prozent betrug, beseitigt und dann begonnen, ständig wachsende Überschüsse zu erzielen.

Warum ist das ein Problem? Europa leidet unter einem chronischen Defizit der privaten Nachfrage [Hervorhebung HHö]: …

Zu geringe Nachfrage wegen ungenügender Nachfragekraft der Haushalte wegen zu geringer Lohnsteigerungen in Deutschland seit Mitte der 1990-iger, hier auf MYTHOS mehrfach thematisiert und belegt. Die Aganda 2010, „Europas größter Niedriglohnsektor“ (Gerhard Schröder) lässt grüßen.

Es gibt jedoch eine offensichtliche Lösung: Die europäischen Regierungen, und insbesondere Deutschland, sollten ihre Volkswirtschaften durch Kreditaufnahme und höhere Ausgaben stimulieren. Der Anleihemarkt fleht sie praktisch an, das zu tun; er ist sogar bereit, Deutschland für die Kreditaufnahme zu bezahlen, indem er zu negativen Zinsen leiht. Und es mangelt nicht an Dingen, für die man [Geld] ausgeben kann: Deutschland hat, wie Amerika, eine bröckelnde Infra-struktur, die dringend repariert werden muss. Aber ausgeben werden sie sie nicht.

Die meisten Kosten der deutschen Steuerstarrheit [iSv Unfähigkeit angemessene Fiskalpolitik zu treiben, stattdessen wird starr, an der der Situation unangemes-senen Politik (z. B. via Schuldenbremse), festgehalten – Anmerkung HHö] fallen auf Deutschland und seine Nachbarn, aber es gibt auch einige Auswirkungen auf den Rest von uns. Die Probleme Europas haben zu einem schwachen Euro beige-tragen [Hervorhebung HHö], der die Wettbewerbsfähigkeit amerikanischer Pro-dukte beeinträchtigt und ein Grund dafür ist, dass die amerikanische Produktion ins Rutschen gerät. Aber dies als eine Situation zu bezeichnen, in der Europa Amerika ausnutzt, ist falsch und nicht hilfreich.

Der vorletzte Satz des Zitats ist sehr bedeutsam für den Rest der EU und der Welt. Unbestreitbar ist:

1) Deutschland ist die viertgrößte Wirtschaftskraft (nach BIP) in der Welt. Da große Wirtschafts-nationen den größten Teil ihrer internationalen Wirtschaftstätigkeit untereinander tätigen ist das deutsche Gewicht hoch und beeinflusst die anderen Volkswirtschaften.

2) Der €uro ist, gemessen an der deutschen Wirtschaftskraft, zu niedrig bewertet. Dieses ist der Hauptgrund Nr. 1 für die deutsche Exportweltmeisterschaft (der 2. Hauptgrund findet sich in den relativ niedrigen Löhnen seit Mitte der 1990-igern, dem deutschen „Lohndumping“). Mittelt man die Meinung kompetenter Fachleute zu einem fiktiven DM-Kurs heute, so würden sich deutsche Waren allein durch Kurskorrekturen um ca. 25-30% international verteuern – die Abwertung wichtiger Handelspartner ist hierin mit berücksichtigt.

3) Haben deutsche Unternehmen einmal einen Marktanteil durch die unter 2) genannten (Haupt-)Gründe erobert, der vorher durch ein anderes europäisches (€uro-)Land bedient wurde, so ist dieser Marktanteil für dieses Land für immer verloren, und die entsprechenden Strukturen dort werden notleidend.

Die panische deutsche Angst vor staatlichen Defiziten rührt u.a. aus einer hysterischen Inflationsangst. Damit will MYTHOS sich demnächst beschäftigen.

Einzelnachweise   [ + ]

1. Krugman vergisst hier explizit auszuführen, dass durch sparen, d.h. Ausgabenkürzung, noch nie Wachstum erzeugt worden ist oder jemals erzeugt werden kann!

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