Die Lohnstückkosten in Deutschland sind zu hoch

Vorab: Es fällt schwer Themen heutzutage ohne den Hintergrund Covid-19 zu bearbeiten. Das besonders Schlimme daran ist: Es ist klar, dass alle Probleme, die in der Vergangenheit angesammelt und „kultiviert“ wurden unter diesem Brennglas gesehen und mit Covid-19 entschuldigt werden. Deshalb die klare Feststellung: Covid-19 ist die Ursache für nichts, es ist lediglich der Lackmustest der die Systemschwächen und -fehler unseres Wirtschaftssystems offenlegen wird!

Wenden wir uns also den eigentlichen Ursachen zu: Die Lohnstückkosten in Deutschland sind zu hoch!

Bild von Gerd Altmann auf Pixabay

So, oder so ähnlich, lautet der Mythos. Doch was bedeutet ‚zu hoch‘?

Es bedeutet nichts anderes, als das die Löhne und/oder die Lohnnebenkosten (siehe hier) zu hoch sind: Die Arbeitgeberseite will der Arbeitnehmerseite an das Portemonnaie, das ist alles! Freundlicher ausgedrückt: Während die Wirtschaft bei solchen Forderungen schlicht die legitime Rolle des Kapitals wahrnimmt, argumentieren Ökonomen meist im Sinne ihres (zweifelhaften) Arbeitsmarktmodells: solange es Arbeitslosigkeit gibt, sind die Löhne zu hoch.

Erinnern wir uns daran, dass die Kosten des Einen (Arbeitgeber) das Einkommen des Anderen (Arbeitnehmer) bestimmen – und somit seine Nachfragekraft. Aber: Die „Exportindustrie“ – von der jeder dritte Arbeitsplatz abhängt und die damit „too big to fail“ ist, gibt hier den Takt vor. Und der heißt: „Löhne und Lohnkosten runter!“ (und damit argumentiert damit wir weiterhin Exportwelt-meister bleiben.) Die Frage muss gestellt werden: Ist das ein Wert an sich? Nein!

Wie der Text des vorstehenden Links belegt ist der Mythos „Die Lohnstückkosten in Deutschland sind zu hoch“ falsch!

Norbert Häring beschreibt das häufig zu hörende Alarmgeschrei in einem Beitrag am Beispiel eines bekannten „Experten“ und geübten Untergangspropheten („Deutschland – Der Abstieg eines Superstars (2004)“):

Was hat es auf sich, mit diesen Lohnstückkosten?

Lohnstückosten haben noch einen anderen Namen, mit dem die meisten Menschen mehr anfangen können: Lohnquote. Die Lohnstückkosten geben an, welchen Anteil an der gesamten Wertschöpfung die Arbeitnehmer bekommen, und – im Umkehrschluss – welchen die Kapitalbesitzer.

Während wir gewöhnt sind Kosten als etwas Schlechtes zu betrachten, was gar nicht niedrig genug sein kann, lädt der Name Lohnquote zu verschiedenen Betrachtungsweisen ein. Ein Arbeitgeberinstitut wie das IW, auf dessen Analyse sich Steingart bei seinem Alarm-Artikel beruft, findet naturgemäß mehr Gefallen an einer niedrigen als an einer hohen Lohnquote. Die Arbeitnehmer sehen das anders. Politiker, die sich dem Wohl der großen Masse der (abhängig beschäftigten) Bürger verpflichtet fühlen, sehen das tendenziell auch etwas anders. Für sie ist ein hohes Lohnniveau in einem Land synonym mit einem hohen Wohlstandsniveau und somit ein Erfolgsausweis.

Sehr schöner Perspektivwechsel. Danke Herr Häring!

Man könnte ebenso gut Kapitalstückkosten berechnen wie Lohnstückkosten. Das würde dann zu der Schlussfolgerung einladen, dass man die Renditen drücken muss, die die Eigen- und Fremdkapitalgeber einfordern, damit Deutschland wettbewerbsfähiger wird. Aber aus irgendwelchen unerfindlichen Gründen tut das IW das nicht, sondern rechnet ausschließlich und oft die Entwicklung der Lohnstückkosten vor. Das wäre doch mal eine lohnende Aufgabe für das Wirtschaftsforschungsinstitut IMK, das gewerkschaftliche Pendant zum IW.

Quelle

Das hier im letzten Absatz des Zitats geforderte Gutachten vom IW täte tatsächlich not: „Die Kapitalstückkosten in Deutschland sind zu hoch, sie müssen gesenkt werden – für den Erhalt unserer Wettbewerbsfähigkeit!“ Lieber Herr Häring: Sehr gelungener Schachzug!

Auch die Logik des Lohnstückkostenanstiegs ist einfach zu erklären:

Dass die Lohnstückkosten in Deutschlands Industrie in den ersten drei Quartalen 2019 stärker gestiegen sind, als in anderen Ländern, liegt vor allem daran, dass die Industrieproduktion, insbesondere die bei uns so wichtige Automobilproduktion, aufgrund sinkender Exportnachfrage bei uns besonders stark gelitten hat. Da die Löhne nicht sinken, wenn der Umsatz sinkt, steigt bei sinkendem Umsatz die Lohnquote. Bei stark steigendem Umsatz sinkt sie entsprechend.

Mit Wettbewerbsfähigkeit der deutschen Industrie hat der Anstieg also erst einmal herzlich wenig zu tun, vielmehr mit einem Nachfragerückgang in wichtigen Märkten, daneben mit dem selbstverschuldeten Absatzrückgang aufgrund des Diesel-Betrugs der Autohersteller.

Was wird bloß werden, wenn das Ausland – jenseits von Covid-19 – mal nicht mehr soviele Waren aus Deutschland kaufen will, die Umsätze also weiter sinken? Man möchte dem „Experten“ empfehlen sich schamhaft die Hand vor das Gesicht zu halten.

Es wird empfohlen, den bei Norbert Häring verlinkten Beiträgen nach Möglichkeit zu folgen.

Von Heiner Flassbeck stammt ein älterer Artikel auf MAKROSKOP, der ein Schlaglicht wirft: „IW „Studie“ zu Lohnstückkosten: Viel Lärm um eine reine Lobbyarbeit“

Das Interessenvertretungsinstitut namens Institut der deutschen Wirtschaft (IW) in Köln hat wieder zugeschlagen und, wie nicht anders zu erwarten, die deutsche Presse (hier die FAZ) zitiert das Werk (das man hier findet) landauf landab und zumeist, ohne klar dazu zu sagen, wer hinter diesem „Institut“ steckt.

Viele Leser haben uns spontan geschrieben und gefragt, was jetzt los ist. Nach den Aussagen der Kölner „Forscher“ (wissenschaftlich verbrämte Interessenvertreter wäre der bessere Ausdruck) sind die Lohnstückkosten in Deutschland gar nicht hinter der internationalen Entwicklung zurückgeblieben, weswegen es jetzt auch keinen Grund gäbe, die Lohnzurückhaltung aufzugeben. Die Arbeitgeber, also die Besitzer und Auftraggeber dieses „Instituts“, haben das sofort aufgegriffen und eine mäßige Lohnrunde gefordert. Ein Schalk, wer Böses dabei denkt!

Naja, dass Deutschlands Exportweltmeisterschaft wohl nichts mit „Die deutsche Wettbewerbsfähigkeit lässt zu wünschen übrig“ (so der Titel des von Flassbeck verlinkten Beitrags in der FAZ) zu tun hat, das sollte eigentlich logisch sein, oder?

Und dass „Deutschland hat keinen Preisvorteil“ (so der Titel der „Studie“ des IW) richtig sein soll kann ebenfalls nicht zutreffen, schauen wir auf den €uro: Ist der Kurs des €uro für die Wirtschaftskraft Deutschlands „passend“, dann muss er für die anderem Teilnehmer am €uro zu hoch sein; „passt“ der Kurs des €uro zur Wirtschaftskraft bspw. von Italien, Spanien muss er für Deutschland zu niedrig sein! Man wird sich wohl irgendwo nahe der Mitte treffen (für die Einen mehr oder weniger zu hoch, für Deutschland bestimmt eher zu niedrig), in allen Fällen ergibt sich ein Preisvorteil für Deutschland!

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.