Zwischenruf 310320

Es gab verschiedene Nachfragen: „Welchen Experten kann man denn trauen?“

Bild von kalhh auf Pixabay.com

Hinweis: Ganz am Ende ist ein wichtiger Link auf den Podcast von Prof. Dr. Drosten vom 30.03.20. Es wird dringend um Beachtung gebeten.

Bevor die Eingangsfrage beantwortet wird wirft MYTHOS ein paar Schlaglichter auf Expertenmeinungen, Überschrift: „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“

Wenn das alles wäre! Schaut man sich auf der Suchmaschine seines Vertrauens (hier Startpage.com und metager.de, Abfrage am 29.03.20) die Ergebnisse zu „prognosen für die wirtschaft 2020“ an, findet man dort noch überwiegend die Einschätzungen bis „vor Covid-19“ vor, Tenor (bspw.):

IWF erwartet Erholung der Weltwirtschaft
Die globale Konjunktur wird in diesem Jahr laut Experten des Internationalen Währungsfonds stärker ausfallen als 2019. Ein Grund ist die Entspannung im Handelsstreit.

Quelle

Man könnte ironisch noch den Rat hinzufügen: Die Menschen, die mit den niedrigen Zinsen auf ihr Erspartes nicht glücklich sind mögen doch bitte intelligentere Anlageformen wähle, z.B. Finanzpapiere, Aktien (denn die Hausse geht ja weiter). Zu einem Zeitpunkt, zu dem China bereits eines seiner Wirtschaftszentren stillgelegt hatte und die Nachfrage im Land einbrach!

Prognosen aus der Zeit „ja, es gibt Covid-19“ befinden, dass sich der Wind wohl doch gedreht haben könnte, Tenor (bspw.):

ifo Konjunkturprognose Frühjahr 2020: Konjunktur bricht ein

Quelle

Besonders schön wird die „Prognostizierei“ wenn es in die Nachkommastellen geht:

… sagte Ifo-Präsident Fuest. Je nach Szenario werde die Wirtschaft um 7,2 bis 20,6 Prozentpunkte schrumpfen.

Quelle

Man weiß es nicht genau aber es sind mindestens x,2 bis maximal xx,6%. Chapeau, lieber Herr Experte Clemens Fuest.

Ein weiteres, abschreckendes Beispiel liefert der Sachverständigenrat (SVR), die sog. Wirtschaftsweisen. Am 30.03.20, unter der Überschrift: DIE GESAMTWIRTSCHAFTLICHE LAGE ANGESICHTS DER CORONA-PANDEMIE über sage und schreibe 111 S. – ich habe versucht das querzulesen, schon das geht nicht – zieht der SVR in göttlicher Ausführlichkeit (Tschuldigung für den Sarkasmus) alles heran, was ein Argument sein könnte … und landet in Nachkommastellen: x,8 bis x,4. MYTHOS ergänzt: Der SVR hat einen Blitz gesehen, die Prognose lautet: „Ein Donner wird kommen!“ Wer sich für den SVR interessiert, wird im Netz fündig. Wir wollen uns hier auf den Beitrag bei Norbert Häring „Was schert Wirtschaftsweise ihr Geschwätz von gestern?“, auf Werner Vontobels „Das Milgram-Experiment der Wirtschaftsweisen“ und auf Flassbeck/Spieckers „Die konservative Mehrheit des Sachverständigenrates scheut im Fall Griechenland nicht vor einer Manipulation von Zahlen zurück“ beschränken.

Wie man das besser – und vor allen Dingen verantwortungsvoller – macht zeigt Heiner Flassbeck auf MAKROSKOP: „Der Corona-Schock“ (freier Artikel, unbedingte Leseempfehlung!). Hier wird gezeigt, welche Annahmen gemacht werden, erklärt warum das so und nicht anders sein sollte und das Ganze wird in den Kontext von „Ursachen und was zur zukünftigen Schadensmeidung getan werden muss“ gesetzt. Vielen Dank, Herr Flassbeck, für dieses schöne Beispiel solider Arbeit!

Machen wir uns nichts vor: Es ist unfair in völlig unübersichtlicher Lage eine halbwegs zuverlässige Prognose zu erwarten/zu erfragen(!). Das kann sich nur in „Bla-Bla“ oder „Alarm, Alarm“ erschöpfen. Genauso unfair ist es auch das vorstehende Geschwurbel ohne ausreichende Erklärung in die Welt zu setzen, nur durch die vorgestellte Expertenschaft gerechtfertigt. Das reicht nicht, meine Herren, das muss hinreichend und verständlich erklärt werden. Besonders schlimm ist es, wenn mit Nachkommastellen die Kompetenz, der Wert der Expertise, des Experten unterstrichen werden soll. Und egal wem man das Eingangszitat nun zuschreibt – Karl Valentin, Mark Twain, Kurt Tucholsky – man sollte das Wort Prognose (de: Vorhersage, Voraussage) streichen und durch das Wort Annahme ersetzen. Hier ist sofort der ungefähre Charackter erkennbar und einer Meinungsbildung à la: „Aber der Experte hat doch gesagt …“ kann vorgebeugt werden.

Wie kann nun die Frage nach dem vertrauenswürdigen Experten beantwortet werden? „Was haltet ihr vom Experten Ernst W.?, von Dirk M.?, von Markus K.?“ 

Zuerst muss man sich klar werden – und hierüber wollen wir reden –, dass das Wirtschaftssystem, in dem wir alle leben, genau ein solches ist, ein System! Das bedeutet, dass von Systemversagen, von Systemschwächen gesprochen werden muss – nach dem Motto: „Es ist kein Fehler, es ist eine Eigenschaft“. Personalisierung ist hier häufig unumgänglich aber grundsätzlich problemetisch. Man muss viel mehr nachdenken und reden über Strukturen in die wir alle eingebettet sind, auch die Experten, die selbstverständlich alle Eigenschaften, die auch andere Menschen haben, mitbringen: Sie möchten gerne gehört werden, bedeutend sein, eine gewisse Macht/Einfluss haben … und: Sie folgen dem Geld – denn sie leben davon! Das bedeutet natürlich, dass sie interessengeleitet sind, denn kein Experte beißt die Hand, die den Scheck unterschreibt; es findet sich immer eine entlastende, eine freundliche Formulierung im Gutachten.

Aus allen diesen Gründen folgt: Man muss immer wieder prüfen 1) wie sich der Experte des Vertrauens in der Vergangenheit geschlagen hat – erinnert sei hier an: „Solchen Wissenschaftlern würde ich gerne Kamera oder Mikrofon entziehen“, Gerd Bosbach zur Corona-Debatte. Das bezieht sich idealerweise auf Zeiträume > 5 Jahre. Liegen solche Erfahrungen nicht vor sollte man 2) mehrere Expertisen des Experten zu Rate ziehen und eigene Überlegungen anstellen: werden (empirische) Beweise und Quellen nachprüfbar angegeben und welche Qualität haben diese (s. der oben verlinkte Beitrag von Flassbeck/Spiecker)? Sind die vorgetragenen Argumente logisch? Vorsicht ist geboten, wenn die Argumente allzu leicht eingehen, es könnte dann sein, dass der Experte nur wiedergibt, was man selber hören möchte (das Phänomen „Filterblase“ oder „Echokammer„).

Noch ein Hinweis auf die gerne über youtube verbreiteten „Ächzperten“-meinungen: Wird öfter auf Bücher und/oder Veröffentlichungen hingewiesen ist der Marketingaspekt des Filmchens offensichtlich. Gleiches gilt, wenn Interviewer und Interviewter Ping-Pong spielen, wenn sie sich die Argumente gegenseitig zuschieben: „Nun wissen wir beide, dass …“. „Richtig“. Dringender Rat: Sofort auf Musik wechseln, hier oder hier!

MYTHOS geht davon aus, dass dem einen oder anderen Leser nach den vorstehenden Zeilen ein Licht aufgeht. Danke für die Zuschriften!

Hier der Link zum Podcast vom 30.03.20, das Wort hat Prof. Drosten. Wichtig sind seine Aussagen zu „Wann ist das vorbei!“ (ab 14’16“), zur Rolle der Wissenschaft (ab 17’00“ bis 20’32“ – Drosten wird per Mail beschuldigt persönlich am Freitod des hessischen Finanzministers Schuld zu tragen(!!)) usw. (unbedingte Hörempfehlung!).

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