Die EZB schädigt die Sparer …

… weil sie die Zinsen niedrig hält. So lautet ein doppelt schädlicher Mythos. Die Frage ist tatsächlich: Warum sind die Zinsen so niedrig?

Bild von Wilfried_Pohnke auf Pixabay

If you asked the person in the street, “Why are interest rates so low?”, he or she would likely answer that the Fed is keeping them low.
(Wenn Sie die Person auf der Strasse fragen würden: „Warum sind die Zinssätze so niedrig?“, würde er oder sie wahrscheinlich antworten, dass die Fed sie niedrig hält. [Übersetzung HHö])

Quelle (Ben Bernanke)

Ist das so? Nein! Dem ist nicht so. Die Zinsen sind deshalb niedrig, weil der Bedarf an Kredit niedrig ist: Es mangelt an Kreditnachfrage! Z.B. schon hier in einem eigenen Beitrag beschrieben.

Hat der Staat einerseits einen Schuldtitel ausgegegeben, haben Sparer andererseits eine Guthabenposition gekauft. Findet sich für überschüssiges Geld das gespart wird, kein Kreditnehmer, kann das angesparte Geld nicht gegen Zins ausgeliehen werden.

Die Banken haben kein Interesse an niedrigen Zinsen. Je niedriger der Zins um so geringer der Spielraum der Banken zwischen Einlagen auf den Konten und Zinseinnahmen aus Krediten noch Geld zu verdienen. (Weiteres s.u.)

Der Mythos „Die EZB schädigt die Sparer weil sie die Zinsen niedrig hält“ ist falsch!

Im oben verlinkten eigenen Beitrag ist die Logik hinter den niedrigen Zinsen am Beispiel Sparen dargestellt: Sparen entzieht dem Geldkreislauf Mittel, indem es diese stilllegt. Hierdurch wird die Konsumnachfrage – und durch die folgende Minderung der Auslastung der Produktionskapazitäten der Wirtschaft – gesenkt, Neuinvestitionen werden folgerichtig zurückgestellt oder nicht getätigt was zu niedriger Kreditnachfrage führt. Die Folge: Niedrige Zinsen! Man muss das Problem aber auch von der Lohnseite her betrachten.

Gerhard Schröder in Davos 2005:

Wir haben einen der besten Niedriglohnsektoren aufgebaut, den es in Europa gibt.

Quelle (PDF, S. 4)

Das insgesamt niedrige Lohnniveau dämpft ebenfalls die Konsumnachfrage, mindert die Kapazitätsauslastung und somit die Neuinvestitionstätigkeit der Wirtschaft. Dies führt dazu, dass inzwischen auch die Unternehmen Nettosparer sind und Investitionen tlw. aus eigenen Tasche finanzieren. Überspitzt: Keine Kreditnachfrage, keine Zinsen: So einfach ist die Logik.

Zum insgesamt niedrigen Lohnniveau noch folgendes, ein beinahe historisches, Zitat:

Dahinter stand natürlich die im Jahr 1951 von Wirtschaftswunderminister Ludwig Erhard und Zentralbankier Wilhelm Vocke gemeinsam ausgekochte Strategie, die man als „monetären Merkantilismus“ (oder: “Ordo-Merkantilismus“) bezeichnen könnte. Die beiden Schlitzohren hatten überlegt, dass man mittels „überlegener interner Disziplin“ die westdeutsche Inflation unterhalb der Inflation in Handelspartnerländern halten könne, wodurch man dann – eingebunden im Bretton Woods System fester Wechselkurse – die preisliche Wettbewerbsfähigkeit Westdeutschlands stärken und damit Nettoexporte und Wachstum und Beschäftigung anregen würde.

Das funktionierte auch alles wunderbar. Die frühe Zahlungsbilanzkrise brachte so die Initialzündung des „deutschen Modells“: Nettoexporte als Wachstumsmotor. Leider nur konnte Deutschland bis heute nicht vom Ordo-Merkantilismus Abschied nehmen – mit Folgen für Europa und die Welt, die im kollektiven Ruin zu enden drohen (siehe Bibow und Flassbeck 2018).

Quelle

Jaja, die Entwicklung bis heute ist klar nachweisbar – und somit eine der Hauptursachen für die – längst noch nicht bewältigte – Eurokrise. Aber das ist eine andere Baustelle.

Und so schließt Ben Bernanke seinen eingangs zitierten Beitrag wie folgt:

The state of the economy, not the Fed, is the ultimate determinant of the sustainable level of real returns. This helps explain why real interest rates are low throughout the industrialized world, not just in the United States.
(Der Zustand der Wirtschaft, nicht die Fed, ist der ultimative Bestimmungsfaktor für das nachhaltige Niveau der realen Renditen. Dies erklärt, warum die Realzinsen in den Industrieländern, und nicht nur in den Vereinigten Staaten, niedrig sind. [Übersetzung HHö])

Im Vorstehenden Zitat ist Fed wahlweise durch EZB zu ersetzen. Es ist die Politik, die die Unternehmen stärkt (und Globalisierung und Deregulierung fördert) auf Kosten der Menschen: Steuervergünstigungen und Untätigkeit gegen Steuervermeidung auf der Kapital- der Unternehmensseite – Schwächung der Arbeitnehmerposition durch Schwächung der Gewerkschaften, Flexibilisierung des Arbeitsmarktes, Hartz IV-Regime (Schröders „Niedriglohnsektoren“) in Deutschland (und vergleichbare „Reformen“ in anderen Ländern). Die Folge davon ist: Nachfrageschwäche, unausgelastete Kapazitäten = Investitionensschwäche, obwohl Geld (Kredit) angeboten wird wie sauer Bier, die Folge davon: Niedrige Zinsen!

Was bitte hat da die EZB mit zu tun? Nichts! Und wieso ist das ein doppelt schädlicher Mythos? Weil es die beschriebenen, die wahren Ursachen im Dunkeln hält und den Fokus mal wieder auf die Anderen lenkt: Die EZB, der €uro, der Draghi, die Lagarde (Europa im allgemeinen), der Trump (Handelskriege) usw. Das verhärtet Fronten baut neue auf und verstellt den Blick.

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