Zwischenruf 101219

Die Geldmenge explodiert seit dem Ende der Weltwährungsordnung die man als Bretton-Woods-System bezeichnete:
Heute gibt es in den OECD-Ländern etwa 77-mal soviel Geld wie 1970. Quelle: Aaron Sahr, „Das Versprechen des Geldes – Eine Praxistheorie des Kredits“ (S. 14)
Entwicklung der Geldmenge 1970 – 2017, Quelle: OECD OECD-Länder Europa: Blau – Eurozone: Rot – OECD alle: Schwarz Und woher kommt die im hier diskutierten Beitrag beschriebene Geldmengenexplosion? Von den Staatsschulden? Nein, es sind die Privatschulden (Unternehmen, Finanzsektor und Haushalte) die sich vervielfacht haben, angetrieben von den Banken:
… heute haben Banken das Privileg, Kapital aus dem Nichts zu erschaffen, … Diese unbeschränkte Geldschöpfung stellt eine paraökonomische Quelle der Berreicherug dar … Aaron Sahr, „Keystroke-Kapitalismus – Ungleichheit auf Knopfdruck“ (Zitat vom Cover)
Natürlich nicht für die Menschen wie Du und Ich, für die Vermögenden ist das Geldschöpfungsprivileg der privaten Banken „eine para(neben-)ökonomische Quelle der Berreichung“! Banken gewähren Kredite, wenn der Schuldner für solvent angesehen wird, einfach per Buchung, per Keystroke, per Tastendruck – umgangssprachlich „aus dem Nichts“. Sie benötigen dafür keine Spareinlagen, liquide Mittel oder Reserven bei der Zentralbank (siehe hier: Bestätigung der Raiffeisenbank Wildenberg eG an Prof. Dr. Richard Werner – PDF 1 S.) Und je mehr private Kredite, umso mehr privates Vermögen einerseits und umso mehr private Schulden andererseits. Staatsschulden? Peanuts! In einer dreiteiligen Sendereihe „Über das Geld“ hat der Deutschlandfunk (dlf) am 17.11.2019 unter dem Titel „Die Rückkehr des Geldes in die Politik“ den zweiten Teil gesendet (1. Teil „Die Erfindung des Geldes“ , 3. Teil „Die Kunst kritisiert ihre privaten Geldgeber“ ). Im Teil 1 finden MYTHOS-Leser Altbekanntes aus den vorgerigen Beiträgen, Teil 3 beschäftigt sich damit, dass Künstler und Museen sich gegen Mäzene und Gönner protestieren, die ihre auf zweifelhafte Weise erworbenen Reichtümer dadurch reinwaschen wollen, dass sie großzügig in Kunst, Künstler, Museen und Konzert-/Theater- und Opernhäuser spenden/investieren. Das nennt man gemeinhin „art-washing“. MYTHOS thematisiert hier den zweiten Beitrag – der Beitrag fasst vieles zusammen, was hier schon beleuchtet worden ist, und nimmt zukünftige Beiträge teilweise vorweg –, dieser hat es in sich und das geht gleich gut los: Aaron Sahr (s. hier) vom Hamburger Institut für Sozialforschg stellt ohne Umschweife fest:
Geldvermögen sind sehr ungleich verteilt. Ausgeblendet wurde, inwiefern die eigentlichen Funktionen des Geldes und die Mechaniken der Geldordnung diese Ungleichverteilung befördern. Diese Funktionen und Mechaniken, so das Argument, seien im allgemeinen Interesse. Institutionell entspricht dieser Denkfigur eine Zentralbank, die unabhängig von Klientelpolitik über das Funktionieren des Geldes wacht. Quelle auch die weiteren Zitate, sofern nicht gesondert gekennzeichnet, beziehen sich auf diese Quelle
Was bedeutet „Funktionen des Geldes und die Mechaniken der Geldordnung“? Salopp formuliert: Was ist Geld, woher kommt es, wohin geht es? Wie kommt es, dass die „Konstruktion des Geldes“, dass unser Geldsystem die Vermögenden bevorteilt? Was bedeutet „Institutionell entspricht dieser Denkfigur eine Zentralbank, die unabhängig von Klientelpolitik über das Funktionieren des Geldes wacht.“? Wieder salopp: Eine Einrichtung die Bankfunktionen auf übergeordnetem Level wahrnimmt, auf Staatslevel, unparteiisch im Interesse der Menschen, des Staates und einer funktionierenden Wirtschaft – eine Zentralbank als Bank des Staates, als Akteur im Dienste aller, ohne Eigeninteresse! Weiter in dem Beitrag:
Im letzten Jahr des Zweiten Weltkriegs hielt Beardsley Ruml, Chairman der Federal Reserve Bank in New York, einen Vortrag vor Juristen der American Bar Association. [Dieser] wäre wohl … verloren gegangen, hätte ihn nicht das Magazin „American Affairs“ für die Nachwelt abgedruckt. Im Editorial erklärt der Herausgeber seine Beweggründe: Rumls Vortrag gebühre die Aufmerksamkeit eines größeren Publikums, schließlich würde darin eine ungeheure, aber politisch höchst brisante Behauptung aufgestellt. Die Behauptung nämlich, die Regierung der Vereinigten Staaten von Amerika sei „free of all money worries“, von allen Geldsorgen befreit. Der Titel des Vortrags lautete im Original: „Taxes for Revenue are Obsolete“, zu Deutsch: Steuereinnahmen sind überflüssig geworden. Eine fast schon groteske These …
Schon im Januar 1946 hat Beardsley Ruml, damaliger Chef der Fed, des amerikanischen Zentralbankensystems also festgestellt: Steuern finanzieren nicht den Staat (hier der Originaltext)! Sie erfüllen – im Rahmen des hier zu diskutierenden Modells – eine andere, wichtige Aufgabe; wie das alles zusammenhängt wird in den beiden Beiträgen vom letzten und vom nächsten Freitag untersucht. MYTHOS verweist auf die bereits erwähnte Untersuchung von Stephanie Bell (Kelton): Der Staat kann sich nicht über Steuern finanzieren! Wozu MYTHOS anfügt: Ruml ist, als Chef der Fed, ein wichtiger Zeuge aber im Rahmen einer modernen Geldtheorie nur eine Randfigur die aufbaut, auf den hier bereits zitierten Georg Friedrich Knapp (1905) und Alfred Mitchell-Innes (1913/14), auf John Maynard Keynes (1936) und Abba Lerner (1943). Aber erst einmal weiter in dem o.g. Beitrag. Staatsfinanzierung ohne Steuern? Verrückte Idee, mit Vorsicht zu genießen – aber wenn doch alle empirisch erhobenen Hinweise – und die Logik – darauf hindeuten, dass das SO IST? Dann muss man das ergebnisoffen und vorbehaltslos untersuchen, und öffentlich diskutieren! Aaron Sahr weiter:
Nun ist es keinesfalls so, dass die MMT* oder zuvor auch Ruml schlicht fordern, angesichts von katastrophalen ökologischen und sozialen Zuständen jeden finanziellen Sachverstand über Bord zu werfen und die monetären Druckerpressen auf Volllast laufen zu lassen. Die MMT steht vielmehr für eine Neuorientierung des politischen Feldes. Kelton und Co. behaupten nicht, dass Staaten unendliche Geldquellen besitzen, aber sie wollen Geldschöpfung als ein politisches Problem begreifen, genauer gesagt: Geldschöpfung als Machtressource zurück in den politischen Willensbildungsprozess dirigieren. *gemeint ist die von MYTHOS als „moderne Geldtheorie“ bezeichnete Theorie über die Geld- und Steuer-(Fiskal-)politik, allgemein als „Modern Monetary Theory“, MMT, bezeichnet.
Ja, so sollte das sein: Geldangelegenheiten aller Art als Angelegenheiten der Allgemeinheit, als Sache Aller, als „res publica“, als öffentliche Sache im Sinne der Menschen! Wie wusste schon Henry Ford:
Würden die Menschen das Geldsystem verstehen, hätten wir eine Revolution noch vor morgen früh.
Aber nein, über Geld redet man nicht … und darüber, was es mit Geld auf sich hat, woher es kommt, wohin es geht (und was es aus und mit den Menschen dazwischen macht), darüber erst recht nicht:
Schuld an diesem Schattendasein ist eine Denkgewohnheit, die man ‚Ideologie des unpolitischen Geldes‘ nennen kann: eine verbreitete Art und Weise, über Geld zu sprechen und über Geld nachzudenken, die die Gelderzeugung als eine Art neutrale ökonomische Technologie behandelt, die dann am besten im allgemeinen Interesse operiert, wenn man sie vor Partikularinteressen schützt; das heißt wenn die Politik sich raushält. Die Idee der Neutralität entspringt klassischen liberalen Geldtheorien, wie sie etwa von Adam Smith, Carl Menger, Milton Friedman oder Friedrich August von Hayek vertreten wurden. Im Grundsatz findet sie sich bis heute in vielen Lehrbüchern für Volkswirtschaftslehre. Hier ist Geld im Kern ein Medium, das das Tauschen erleichtert. … Der sogenannte Realtausch von Gütern gegen andere Güter hat nämlich ein Problem: Es ist fürchterlich kompliziert, Angebot und Nachfrage zusammenzubringen.
Adam Smith wollen wir gnädig behandeln, er konnte im 18ten Jh. nicht das wissen, was Menger, Friedman und Hayek wussten: Dass Geld, kein Tauschmittel ist – trotz der berufsbedingten Trugbilder die sie verbreiteten – und deshalb keinen neutralen Schleier über den Tauschhandel darstellt, dass man Geld am Besten vor „Partikularinteressen“ (privaten Interessen) schützt gerade durch die (verantwortungsvolle) Einmischung des Staates, der Politik. Das war nicht im Interesse dieser Herren, es hätte ihre Position als Ökonomen zu Gunsten der Politik geschwächt. Genug Zwischenruf für heute – auf Weiteres wird noch eingegangen – schließen wir mit dem Schlusswort des Beitrags:
Man muss Beardsley Ruml oder Stephanie Kelton nicht in allen Punkten ihrer politischen und ökonomischen Programme zustimmen, um den Impuls in diesem Sinne aufzunehmen: Die Regelung der Geldschöpfung hat profunde sozio‐ökonomische Konsequenzen. In den vergangenen Jahrzehnten haben private Banken durch Geldschöpfung eine Vermögenspreisinflation erzeugt, ohne dass diese Form der Inflation wirksam bekämpft wurde. Es geht … also nicht darum, ein gut laufendes Geldsystem durch eine inflationäre „Staatsfinanzierung mit der Notenpresse“ zu ersetzen. Alles Geld entsteht durch eine buchhalterische „Notenpresse“ und jede Geldschöpfung beeinflusst auch Preise. Es geht darum, diesen Umstand als ein politisches Problem zu begreifen und es damit auch zum Gegenstand gesellschaftlicher Willensbildungsprozesse zu machen. (Hervorhebungen HHö)

Schreibe einen Kommentar

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.